Genau zwei Jahre danach…

Wünsche

Heute ist der 19. Januar und genau vor zwei Jahren hatte ich meinen Schlaganfall. Für mich ist diese aktuelle Zeit schwierig, denn plötzlich ist alles an Erinnerungen wieder da und das schon seit Tagen. Die Angst, eine gewisse Hilflosigkeit, Einsamkeit und der immer noch vorhandene Schmerz über das Verhalten meines Ex-Freundes, der es bis heute nicht geschafft hat, auch nur ein einziges Wort mit mir zu sprechen.

Vergangene Nacht quälte ich mich mit extremen Kopfschmerzen, welche ich seither regelmäßig habe und diese fordern meine ganze Kraft und Positivität. Es ist zeitweise für mich extrem schwer, denn es ist nicht nur die Tatsache, plötzlich von einer Sekunde zur anderen einem komplett neuen Leben gegenüber zu stehen, verlassen worden zu sein, keine Arbeit mehr zu haben, mich größten Herausforderungen in allen Bereichen gegenüber zu sehen und manchmal überhaupt nicht mehr zu wissen, wie dieses Gesamtpaket zu verkraften ist. Es ist auch für mich ganz persönlich ein Kennenlernen auf anderer, mir bis dahin in dieser Intensität nicht zugänglichen Ebene.

Ich habe mehrfach geschrieben, welch großes Geschenk diese Krankheit für mich hatte. Alles was ich auf geistiger Ebene dazu lernen durfte, welche Erkenntnisse sich mir offenbarten und welche Tiefe ich in mir entwickeln konnte, möchte ich niemals mehr missen! Ich bin eine andere Frau als zuvor, es ist nichts mehr wie es einmal war! Ich durfte lernen ganz und gar zu mir zu stehen und einfach nur ich selbst zu sein!

Wenn ich das für mich in meinem Inneren als sehr positiv erachte, so erlebe ich dennoch immer wieder, dass die geringe Anzahl von meinen Mitmenschen, die mich noch aus der Vergangenheit kennen und übrig geblieben sind, damit nicht oder nur zögerlich zurecht kommen.

Es ist anscheinend gleichermaßen schwierig für mich und die anderen! Es gibt so gut wie keine gemeinsamen Gesprächsthemen mehr. Was sie an mich herantragen ist für mich bei allem Respekt vor jedem einzelnen so wenig nachvollziehbar. Ich kann überhaupt nicht mehr folgen, was für meine Mitmenschen für wichtig erachtet wird und worüber sie sich austauschen.

Eine wahre Begegnung und eine echte Kommunikation kommt nur selten zustande.

Sie erzählen von Dingen, die mich überhaupt nicht (mehr) interessieren. Von Menschen, die ich noch nicht einmal kenne. Vom Verhalten Dritter, von Fehltritten, von Bewertungen und Veurteilungen. Sich selbst sehen nur die Wenigsten. Wer spricht schon ehrlich über sich selbst und seine eigenen Unzulänglichkeiten? Ihre Aufmerksamkeit geht meist von ihnen weg, anstatt einmal genau hinzuschauen! Ich kann nicht mehr anders, als immer klarer auszudrücken, dass ich diese Form von Verbindung nicht mehr möchte und somit wird die Zahl derer, die ähnlich denken und leben in meinem Umfeld immer geringer. Mein Schweigen zu vielen Themen wird im Gegensatz zu meiner redseligen Art von früher anscheinend falsch verstanden. Allerdings habe ich keine Lust zu meinen tiefgehenden Veränderungen eine Gebrauchsanleitung zu verteilen. Entweder jemand hat das Feingefühl, zu verstehen und in einen gegenseitig wertschätzenden Austausch zu gehen, oder nicht!

Somit leben sie ihr Leben und ich lebe meins.

Es gibt so gut wie keine nennenswerten Schnittpunkte mehr. Meine Tiefe, mein innerer Raum, meine geliebte Stille, wortloses Sein und meine bewusst ausgewählten und von daher sehr eingeschränkten Aktivitäten werden nicht verstanden. Wie auch! Ich verstehe, dass sie es nicht verstehen! Sie leben hauptsächlich im AUSSEN und ich bewege mich größtenteils in meinem inneren, geschützten Raum und schöpfe Kraft, Liebe und halte dadurch meinen Glauben und meine Verbindung zur göttlichen Quelle und Führung.

Ein großer Punkt ist wohl der, dass ich an erster Stelle für mich sorge und nichts mehr tue, was ich nicht möchte. Ich bin mir selbst genug und bin mir selbst so nah gekommen, dass ich sehr darauf achte, diese wunderbare Verbindung nicht mehr zu gefährden. Viel zu lange habe ich vor meinem Schlaganfall die Bedürfnisse der ANDEREN bedient, habe mich selbst dabei verloren und wo waren diese Menschen, als es mir schlecht ging und ich sie wirklich gebraucht hätte? Nur eine Hand, die meine gehalten hätte!

Das war einer der letzten Sätze, die ich vor zwei Jahren zu meinem Ex-Freund sprach: „Ich brauche eine Hand, die meine hält“! Er bot mir seine Hand leider nicht und das tut mir immer noch unbeschreiblich weh. Er zog es vor davon zu laufen, sich bis heute in Schweigen zu hüllen und so zu tun, als ob es mich nicht mehr gäbe. Ohne ein einziges Wort……

Kaum vorstellbar und fast unmenschlich, dennoch gibt es mir auch Kraft, denn was soll mich noch umhauen……

Mir ist unverständlich, wie sehr sich die Allermeisten doch an der Oberfläche bewegen und überhaupt nicht erkennen, was LEBEN und lebendig SEIN eigentlich bedeutet, welcher SINN dahinter steckt und was unsere Aufgabe hier ist.

Das Schreiben ist für mich meine Art geworden, mich nach Aussen sichtbar zu machen. Da ich sehr zurückgezogen lebe, bereitet mir diese stille Möglichkeit große Freude, etwas hinaus in die Welt zu geben. Viel mehr ist mir noch nicht möglich, alles im Außen strengt mich extrem an, Menschen und ihre Bedürfnisse sowie Erwartungen überfordern mich und ich bin nicht mehr gewillt, mich für wen auch immer zu verbiegen. Ich benötige alle Kraft für mich und halte jede Art von Stress oder Aufregung nach Möglichkeit von mir fern.

Mich selbst neu entdecken zu dürfen, authentisch und neugierig in jeden neuen Tag zu starten, das zu tun, was mir Freude bereitet und natürlich meine Tochter und nur sehr wenige Menschen liebevoll mit einzubeziehen, das ist es, was mich aktuell erfüllt.

Eine Beziehung zu einem Mann ist für mich undenkbar und ich kann mir im Moment nicht vorstellen, dass sich das ändern wird . Viel zu sehr fühle ich mich verletzt und ich bin insgesamt sehr vorsichtig „neuen“ Menschen gegenüber. Ich habe immer an die LIEBE geglaubt und habe bedingungslos geliebt und das Komische ist, ich tue es immer noch. Es ist nicht zu ändern und ich lebe mit diesem Gefühl in meinem Herzen. Leider wurde dies nicht erkannt und ebenso wenig erwidert.

Ich passe wohl insgesamt in keine Schablone mehr und das ist gut so!  Ich bin froh und dankbar nicht mehr hinein zu passen, denn das Meiste davon, war nicht ich und genau das ist es! Wer ist schon er selbst? Wer ist authentisch und echt? Wer lebt seine eigenen Träume und nicht die der anderen? Wer sagt, was er denkt? Wer ist ehrlich und offen? Wer fühlt tatsächlich mit? Wer ist wirklich für den anderen da? Wer hilft, wenn es nötig ist? Und wer ist auch bereit, die Konsequenzen zu tragen.

Die Konsequenz daraus ist, dass ich mittlerweile vielen Menschen etwas spiegele, was sie nicht sehen wollen. Sie sehen in mir, meinem Verhalten und meiner Art mit Schicksalsschlägen umzugehen, der zudem fröhlichen und lebensbejahenden Eigenart, wie wenig sie sich selbst zutrauen und wie wenig Mut sie aufbringen, in ihrem Leben, mit dem so viele sehr unzufrieden sind,  etwas zu verändern.

Ich weiß, dass glücklicherweise viele Leser auf meinem Blog http://www.schlaganfall2013.wordpress.com ganz andere Erfahrungen mit ihren Mitmenschen gemacht haben und darüber freue ich mich sehr!

Denn wie wir alle wissen, es gibt ALLES!!

Der Weg geht weiter und ich lerne und lerne dazu und habe tatsächlich das Gefühl, mich komplett auf NEULAND zu befinden. Mein Körper, meine Seele und mein Geist durften sich noch einmal neu erfinden und das ist es, was mich tief in mir glücklich macht und dies nur aus mir heraus, ohne zu meinem Glück auf eine andere Person angewiesen zu sein!

Das ist das große Geschenk !!!! Wir ALLE tragen alles in uns, was wir brauchen um glücklich zu sein.

Alles Liebe für jeden einzelnen hier,

von ganzem Herzen

Stefanie

 

© Copyright Text 2015, Stefanie Will

Bildnachweis: Renate65, „Wünsche“, CC-Lizenz (BY 2.0),

http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de, Bilddatenbank http://www.piqs.de

Advertisements

12 Kommentare zu “Genau zwei Jahre danach…

  1. Dein Beitrag hat mich sehr berührt. Bei dem Absatz „Ich brauche eine Hand, die meine hält“, kamen mir dann die Tränen. Ich wünsche Dir alles Gute.

  2. Hallo Kai,
    ich danke Dir für Deine Zeilen und sicher wird alles gut!
    Angst ist es auch nicht, ich muss nur langsam wieder Vertrauen in die
    Menschen oder vielmehr in die Männer gewinnen :-).
    Die Liebe wird mich finden….diese Worte gefallen mir!!

    Liebe Grüße
    Stefanie

  3. Gratulation, für diesen offenen ehrlichen und authentischen Text! Alles wird gut!
    Habe keine Angst vor der Liebe zu einem Mann, wenn die Zeit reif ist, quasi, Du reif dazu bist, wird diese Liebe dich finden.

    Alles Liebe & Gute!

    Kai

  4. Liebe Marlis,
    beim Lesen deiner Zeilen liefen mir die Tränen die Wangen hinunter…..
    Ich danke Dir sehr und vielleicht hast Du recht, dass es irgendwann diese Hand
    geben wird.
    Ganz liebe Grüße
    Stefanie

  5. Es ist sehr beeindruckend, was du schreibst! Dass dieses Glücklichsein aus Dir selbst heraus bleibt, wünsche ich dir von Herzen. Aber außerdem wünsche ich dir, dass dir irgendwann die Hand, die dir damals gefehlt hat und die deine halten könnte, angeboten wird. Nicht weil du sie bräuchtest – sondern weil dir die Hand dann vielleicht willkommen ist.
    Alles Liebe für dich und deine Tochter,
    Marlis

  6. Hallo liebe Ina,

    ich weiß, dass es für VIELE eine sehr herausfordernde Zeit ist, in der sich
    ungelöste Themen erneut in aller Intensität und den damit verbundenen
    Schmerzen zeigen können.

    Deine Neujahrsmail habe ich tatsächlich noch nicht gesichtet!? Komisch…..
    Ich danke Dir für Deine ausführlichen Zeilen und fühle auch mit Dir!

    Von Herzen Stefanie

  7. Hallo lieber Roland,
    ich danke Dir sehr für Deine guten Wünsche.
    Eigentlich schaue ich stets nur nach vorn…..doch heute fällt es
    mir schwer!
    Morgen ist ein neuer Tag :-).

    Schicke Dir liebe Grüße
    Stefanie

  8. Liebe Stefanie,

    es ist fast ein bißerl unheimlich, aber jeder Satz den Du geschrieben hast könnte von mir sein, gefühlt kommt es direkt aus meiner Seele.
    Ich habe Gänsehaut und die Augen sind feucht. Es braucht nicht unbedingt einen Schlaganfall um all das zu spüren was du beschreibst. Es reicht dazu sogar nur mein Zustand. Die letzte Nacht brachte das wohl so mit sich…ich bekam fast die gleichen „Sendungen“ wie du und bin seit dem wie gerädert. Du bist nicht allein damit, was vielleicht kein wirklicher Trost sein kann, aber mir hilft es und deshalb sage ich Danke für Deine Zeilen.
    Meinen Neujahrswunsch für Dich hast du sicher noch nicht gefunden – ich schickte ihn per Mail, vielleicht schwirrt er noch herum? Er würde, mit meinem Foto vom ersten Tag des Jahres, schön passen.

    Mitgefühlte herzlich Grüße

    Ina

  9. Liebe Stefanie, ich wünsche Dir alles Gute. Schaue nach vorne in die neue Welt, ohne dich nochmal umzudrehen,,
    Liebe Grüße Roland

  10. Liebe Marina,

    ich danke dir für deine so lieben und motivierenden Worte, welche ich heute
    sehr gut gebrauchen kann.
    Deine Umarmung habe ich sehr gerne angenommen und erwidert :-).

    Alles Liebe Stefanie

  11. Liebe Stefanie,
    auch dir von Herzen alles Liebe und weiterhin viel Kraft und Vertrauen auf deinem so wertvollen Weg der Selbstliebe, die ja weit ausstrahlt und auf diesem Wege auch für andere hilfreich ist…
    Wenn ich darf, umarme ich dich in Gedanken ganz behutsam
    Von Herzen Marina

Hinterlasse gerne einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s